Portugals Seele
"(...) Lissabon raubt Kraft und kostet Luft. Denn die Stadt am Ufer des Tejo wälzt sich über zahllose Hügel. Und wer Portugals Metropole begreifen will, muss sie erlaufen. Erst dann wird er ihre alte Seele spüren und sich für ihren morbiden Charme erwärmen. Wird sich an ihr begeistern, wenn das weiche, warme Licht die weißen Fassaden zum Leuchten bringt oder milchige Schleier jegliche Farben verschlucken. Das vom Atlantik bestimmte Wetter ist auch im Winter im allgemeinen mild und das Frühjahr erwacht sowieso zeitig.
Herrliche Ausblicke liefern die vielen Miradouros (Aussichtspunkte), zum Beispiel oberhalb des alten maurischen Viertels Alfama oder vom Terrassencafé des gusseisernen Fahrstuhls Elevador de Santa Justa, der die Unterstadt Baixa mit den höher gelegenen Stadtteilen Bairro Alto und Chiado verbindet. Diese alten, zentralen Viertel sind gefangen in einem System labyrinthischer Straßen. Sie prägen das Stadtbild, das Treiben in ihnen macht Lissabons Atmosphäre aus.
Bairro Alto und Chiado sind nicht nur voll gestopft mit Boutiquen, Galerien und Tante-Emma-Läden, auch die Dichte an Bars, Kneipen, Discos und touristischen Fao-Lokalen ist deutlich höher als im Rest der Haupstadt.
Um 1500, als König Manuel der Glückliche regierte, entwickelte sich eine spezielle portugiesische Steinmetzkunst: die Manuelinik. In ihr floss zusammen, was Entdecker und Seefahrer von ihren Reisen mitbrachten: Geschichten von Fabelwesen und Seeungeheuern, Flora und Fauna ferner Länder, nautische Elemente. So sahen Säulen wie gewundene Taue aus und Fenstergitter von Kreuzgängen erinnerten an ineinander verschlungene Lotusblüten. Aus dieser glanzvollen Epoche haben lediglich zwei Bauwerke überlebt: das weltweit berühmte Hieronymitenkloster in Belém und – gleich daneben – Lissabons Wahrzeichen: der Wachturm am ehemaligen Hafen, von dem die Karavellen in alle Welt zogen. (...)"